chronik

  • Gründerzeit
    • Hardturmstrasse 116

      Ende 1989 gegründet, ist es uns gelungen, 30 Jahre zusammenzubleiben und dabei schöne und unschönere Zeiten zu queren. Während sich das Privatleben vieler Mitglieder in dieser Zeit funkensprühend veränderte, sind wir uns und unserem Atelier treu geblieben. Kontrast entpuppte sich dabei immer wieder als Achse des Lebens, als Konstante, als Ort, den man abends nur verlässt, um am nächsten Morgen freudig zurückzukehren.


      Kontrast – das ist eine Erfolgsgeschichte, menschlich wie beruflich. Darüber hinaus ist das Atelier mit nun 30 Jahren auf dem Buckel auch so etwas wie unser Lebenswerk. Wir schreiben und fotografieren nicht nur, wir machen nicht nur Bücher und Kunst, wir haben auch eine Institution geschaffen. Kontrast ist der Beweis, dass ein Dutzend Freelancers ein eigenes kleines Universum aufzubauen vermögen: einen Ort mit einer einzigartigen Arbeitsstimmung, ebenso konstruktiv wie produktiv, gleichzeitig in persönlicher Verbundenheit wie auch maximaler Freiheit. Darauf sind wir stolz, und deshalb machen wir auch noch etwas weiter.

       

      Gründerzeit – Kontrast an der Hardturmstrasse 116

       

      Kreativität. Professionalität. Kollegialität. Selbstbestimmung. – Über diese Stichworte denken Journalistin Heidi Stutz und Fotograf Giorgio von Arb im Sommer 1987 auf einer Reportage in Pakistan nach, mit der Absicht, sie als künftige Arbeitsperspektive unter einen Hut zu bringen.

       

      Deshalb suchen sie nach gleichgesinnten Freelancern, die alles anders machen wollen, zusammen aber doch das Gleiche, die unter einem gemeinsamen Dach arbeiten, aber eigene Projekte verfolgen, die sich nicht in den Büros eines Zeitungsverlags verdingen, aber gleichzeitig ihre eigene Redaktion sind, die nicht unter Druck von oben stehen, sondern nur unter dem eigenen, die zwar im Auftrag arbeiten, aber gleichzeitig die eigenen Chefinnen und Chefs sind.

       

      Es ist eine gute Zeit dafür. Die Magazine sind dick, die Portefeuilles der Werbeagenturen gefüllt, und auf den Redaktionen besteht ein Mangel an aussergewöhnlichen Themen. Gleichzeitig zieht sich die Industrie mehr und mehr aus der Stadt zurück, weshalb leerstehende Fabrikhallen günstig zu mieten sind.

       

      Doch bis Stutz und von Arb ihre Idee umsetzen können, dauert es zwei Jahre. Zu misstrauisch sind die Hausbesitzer gegenüber dem unkonventionellen Haufen von Freelancern, der sich schon bald auf die Suche nach geeigneten Räumen macht. Erst im Herbst 1989 ist es so weit. Wir mieten an der Zürcher Hardturmstrasse einen fast 300 Quadratmeter grossen Raum auf dem Schoeller-Areal. Auf die Webmaschinen folgen Nadeldrucker.

       

      Wir legen selbst Hand an. Wir putzen, wir streichen, wir suchen Mobiliar zusammen. Und bei Wein und Pizza wird der Name des Medienateliers diskutiert. «Zatopek» nach dem tschechischen Langstreckenläufer und Favorit von Christian Känzig ist gut im Rennen; «Magenta» steht zur Diskussion, ebenso «Trabant», «MedienLabor» und «Atelier Publitzer», was sich irgendwo und irgendwie bei der Swisscom (damals noch PTT) eingenistet hat und bis vor Kurzem über einzelnen Telefonrechnungen stand.


      Schliesslich gewinnt aber «Kontrast». Denn: Wir heben uns ab. Wir machen es anders.

       

    • Der Anfang

       

      Schon nach kurzer Zeit haben wir uns eingelebt. Und das Geschäftsprinzip bewährt sich. Die Aufträge kommen, alle sind ausgelastet. Das Atelier wird zur geschätzten Basis: Man geht gerne in die Ferne und kommt gerne hierhin zurück. Wir diskutieren unsere Arbeiten und planen Verbesserungsmöglichkeiten. Gleichzeitig suchen wir nach Wegen, um uns im Markt besser zu positionieren.


      So überlegen wir uns, einen Agenten oder eine Agentin anzustellen, um unsere Arbeiten mehrfach verwerten zu können, sehen aber schliesslich davon ab. Zur Selbstpromotion führen wir aber regelmässig Apéros durch, zu denen wir neben unseren Auftraggebern auch Kollegen und Kolleginnen einladen. Es kommen regelmässig 500 Leute.

       

      Gleichzeitig ist es die Zeit der totalen Selbstverwaltung: Es gibt Strichlilisten für alles und jedes, vom Kaffee über Mineralwasser bis zu Faxseiten; alle haben ein Ämtli, am Mittag wird abwechslungsweise gekocht – und natürlich gibt es einen Putzplan. Kontrast ist eine Familie ohne Bande.


      In den ersten sechs Jahren erhalten wir einige Verstärkung. Zu uns stossen Brigitte Hürlimann, Silvana Ceschi, Urs Gysling und Peter Pfrunder im Bereich Text sowie Iren Monti und Yvonne Griss als Fotografinnen.


      Brigitte Hürlimann verlässt uns nach drei Jahren wieder, um in Fribourg Jus zu studieren. Sie ist später Redaktorin bei der NZZ und seit 2018 Redaktorin des Rechtsmagazins Plädoyer und Gerichtsreporterin für die Republik. Neue Wege gehen auch Heidi Stutz und Catherine Duttweiler. Heidi wird Mutter und beginnt, Wirtschaftsgeschichte zu studieren; heute ist sie Projektleiterin im Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien BASS. Catherine beginnt eine Karriere auf verschiedenen Zeitungs- und Magazinredaktionen,  u.a. war sie Bundeshausredaktorin für Das Magazin, SonntagsZeitung und Facts sowie Chefredaktorin des Bieler Tagblatts.

       

       

      Aus unseren Sitzungsprotokollen:

      29. Oktober 1991
      «Ursi Schachenmann legt irgendeinen Zettel ad acta und freut sich auf die Twin-Peaks-Folge von heute Abend.»  

      27. August 1990
      «OUT sind kalte Fruchtwähen. OUT sind Optigal-Poulets mit der dicken Haut.»

      25. Juni 1991
      «Wie können wir noch besser werden? Beschluss: An jeder Bürositzung werden wir künftig unsere eigenen Arbeiten vorstellen und entsprechend loben bzw. kritisieren.» 

      20. Dezember 1991
      «Martin Peers Sohn Anatol stört die Sitzung mit einem Auswurf auf das Hemd seines Vaters.»

       

       

    • Das erste Buch

       

      Kopp & Kopp

       

      Auf dem Schoeller-Areal erleben wir eine kreative und erfolgreiche Zeit. Koni Nordmanns Foto eines Gerüstarbeiters, der die Freiheitsstatue in New York küsst, geht um die Welt. Catherine Duttweiler schreibt ihr Buch «Kopp & Kopp»; Peter Pfrunder gewinnt den Swissair-Preis; Giorgio von Arb erhält einen Werkbeitrag des Bundesamtes für Kultur; Koni Nordmann wird mit dem eidgenössischen Stipendium für angewandte Kunst ausgezeichnet.


      Gleichzeitig entstehen die ersten Bildbände: Giorgio von Arb arbeitet an «Portraits aus Liechtenstein», Peter Pfrunder bereitet die Publikation seiner Biografie über den Fotografen Ernst Brunner vor.


      An der Hardturmstrasse 116 bleiben wir bis im Frühjahr 1995. Damals steht der Abbruch eigentlich unmittelbar bevor; schliesslich bleiben die ehemaligen Weberei-Hallen aber noch über ein Jahr erhalten.

       

       

      Aus unseren Sitzungsprotokollen:

      29. Juni 1994
      «Sauerei. Im Studio fehlen 15 Meter unbezahlter Hintergrundkarton.»

      29. März 1994
      «Abwesend an der Bürositzung: Peter, Ursi, Brigitte, Weisswein. Temperatur 29,9 Grad.»

      27. September 1994
      «Essens-Diskussion für den nächsten Kontrast-Apéro. Die Idee von Hotdogs stösst auf wenig Begeisterung. IST EIN HOTDOG ÄSTHETISCH? Fragen über Fragen.»

      11. Oktober 1994
      «Es ist nun definitiv: Wir müssen raus aus der Hardturmstrasse. Die Diskussion über neue Atelierräume endet schnell in unkontrolliertem, um nicht zu sagen haltlosem Weissweintrinken.»

    • Kommen und gehen

       

      Unterzeichner des ersten Gesellschaftsvertrags Ende 1989 sind:
      Text: Catherine Duttweiler, Ursi Schachenmann, Christian Schmidt und Heidi Stutz.
      Foto: Christian Känzig, Frederic Meyer, Koni Nordmann, Martin Peer und
      Giorgio von Arb. Bereits vor der Gründung wieder abgesetzt haben sich u.a. Isabel Baumberger, Miklos Gimes, Christian Seiler und Urs Stahel.

       

      IN

      1989
      Daniel Stähli (Labor)

      1991
      Urs Gysling, Iren Monti, Peter Pfrunder, Iris C. Ritter (Labor), Carmen Sommerhalder (Labor)

      1992
      Brigitte Hürlimann

      1995
      Silvana Ceschi, Yvonne Griss

      1996
      Elisabeth Rufer (Labor), Katja Staubli (Labor)

       

      OUT

      1990
      Daniel Stähli (Labor)

      1991
      Catherine Duttwiler, Iris C. Ritter (Labor), Heidi Stutz

      1992
      Urs Gysling

      1993
      Carmen Sommerhalder (Labor)

      1995
      Brigitte Hürlimann

      1996
      Katja Staubli (Labor)

  • Fabrikzeit
    • Hardstrasse 219
    • Kontrast in der Krise

       

      Die Küche benutzen wir allerdings nicht allzu oft; denn auf dem Maag-Areal gibt es eine Kantine, die wir mehr und mehr zu schätzen beginnen. Die Menüs sind bodenständig und auf Handwerker ausgelegt, zudem herrscht eine Zweiklassen-Gesellschaft: Wer – wie manchmal Christian Schmidt – einen Overall trägt, muss auf anderen Stühlen Platz nehmen als das Büropersonal.

       

      Bald gewöhnen wir uns auch daran, dass das Jahr hier nur zwei Jahreszeiten hat: Vom Frühling bis in den Herbst bietet die Maag-Kantine Erdbeertörtli als Dessert an, vom Herbst bis in den Frühling Vermicelles.

       

      Am neuen Ort professionalisieren wir uns weiter. Neben seiner Aufgabe als Lehrer an der Grafikklasse der Schule für Gestaltung und Kunst spezialisiert sich Martin Peer auf die Produktion von Tonbildschauen. Peter Pfrunder beginnt sich immer mehr als Buchautor zu betätigen, währenddem Frederic Meyer Südamerika zu seinem Reportagen-Spezialgebiet macht und Christian Känzig sich in die Innerschweizer Berge vergräbt, um das Buch «Das Muototal. Ein Kulturprofil» zu erarbeiten.

       

      Die Stimmung unter den Members ist jedoch nicht immer gut. Wir arbeiten zwar unter einem Dach, gehen aber unsere eigenen Wege. Es gibt Phasen, da sind wir nur mehr eine Zweckgemeinschaft ohne inneren Zusammenhalt. Koni Nordmann macht in dieser Krisenzeit eine «Betriebspsychologische Bestandesaufnahme». Es ist ein dicker Fragenkatalog zum Thema, wie wir uns in unserer Firma fühlen und was wir da eigentlich wollen. Zwar humoristisch angelegt treffen die Fragen den Kern der Sache, zwingen zum Nachdenken und zu Diskussionen.

       

      Die Auseinandersetzung reinigt und läutert. Gleichzeitig zeigen sich aber die ersten Anzeichen dafür, dass das Medienwesen bald einmal zu einem Problemwesen werden wird und auch nur beschränkt Entwicklungsmöglichkeiten zulässt.

       

      Schliesslich ist Koni Nordmann der erste, der mit den Unzulänglichkeiten und dem Kleingewerblertum nicht mehr glücklich ist. Auch der Erfolg seines Fotobandes «Aids-Zeit. Ich kann nicht mehr leben wie ihr Negativen» hält ihn nicht davon ab, die Fotografie je länger desto mehr zurückzustellen. Ursi Schachenmann als Schreiberin sieht sich in derselben Lage.

       

       

      Aus unseren Sitzungsprotokollen:

      16. Dezember 1996
      «Es knirscht bei den FotografInnen. Die Differenzen sind erheblich, und die einfache Gesellschaft Kontrast hat nicht viele Mittel, um sie zu lösen. Während die einen die Ateliergemeinschaft durch mehr Qualität voranbringen wollen (‹Utopie mues sii›), sind die anderen zufrieden, wenn ihnen Kontrast eine Heimat ist.»

      23. März 1997
      «Ursi Schachenmann lüftet ihr Geheimnis, dass sie in jedem grösseren Text einen Satz von Joseph Roth versenkt.»

      26. Oktober 1998
      «Kontrast wird bald 10 Jahre alt, und unsere Küche sieht aus, als würde sie von 10-Jährigen benutzt.»

      28. März 2000
      «Koni Nordmann teilt mit, dass er das Bürovelo mit nach Hause nimmt. Es versteht ihn niemand, aber er tut es trotzdem.»

    • Eine neue Ära

       

      Der Verlag KONTRAST

       

      So kommt es, dass die beiden sich von den Klagen des Restes über die meistens unbefriedigende Kooperation mit Redaktionen, über schlechte Honorare und unbezahlte Spesen distanzieren und zusammen mit Martin Peer 1997 den Verlag kontrast gründen.


      Es ist ein Schritt in die richtige Richtung; denn bereits mit den allerersten Publikationen – «Top Dogs» und «Vom Kern der Schweiz» – zeigen die Jungverleger unter uns viel Kreativität und eigenen Willen: Die Gestaltung, meistens ein Werk von Alberto Vieceli, ist so herausragend, dass die Bücher regelmässig Auszeichnungen erhalten.


      Da das Verlagswesen für Koni Nordmann jedoch nur eine Teilzeit-Berufung ist, übernimmt er an der Schweizer Journalistenschule MAZ in Luzern zusätzlich Aufbau und Leitung des Studienbereichs Fotografie. Damit ist seine Trennung von der täglichen Medienarbeit perfekt. Er ist der erste unter uns, der diesen Schritt in dieser Konsequenz durchführt.


      Mitten im Aufbau der Karriere verlieren wir ein Kontrast-Mitglied. Zum ersten Mal wird unsere Gemeinschaft auf eine ganz neue Art geprüft: Die Nachricht von Yvonne Griss’ Krebserkrankung ist ein Schock. Wir müssen feststellen, dass auch wir nicht vor heftigstem Schmerz gefeit sind. Über Wochen und Monate ist es still in unserer grossen Halle, alle arbeiten ruhig, nehmen Anteil an Yvonnes Leiden und hoffen.


      Doch all unser gutes Denken bleibt vergeblich. Yvonne stirbt im Spätsommer 1996.

       

       

      Aus unseren Sitzungsprotokollen:

      16. Dezember 2003
      «Und hier noch eine Anleitung, wie mit den Tüechli umzugehen ist: VORNE in der Schublade sind die GESCHIRR-Tüechli, HINTEN ist die CHEMIE. Bitte Trennung auch bei den dreckigen aufrechterhalten, sonst ist alles für die Katz!»

      27. April 2004
      «Frederic Meyer moniert, dass die Telefonbücher ohne basisdemokratischen Entscheid entsorgt worden sind. Ihm fehlen sie, weil man ‹hier Dinge findet, die man sonst nicht findet›.»

      26. August 2004
      «Ursi Schachenmann hält fest, dass Hunde nicht aufs Sofa gehören, u.a. weil sie nicht selbst staubsaugen können.»

      29. September 2005
      «Nadine Olonetzky wünscht sich angesichts des bevorstehenden Umzugs mehr Networking. Neuer Ort – neuer Geist!»

    • «Von Dingen und Menschen»

       

      Yvonne Griss’ poetische Kraft

       

      Ihr Tod schweisst uns noch mehr zusammen. Wir beginnen alle miteinander ihren Nachlass aufzuarbeiten. Daraus stellen Nadine Olonetzky und Alberto Vieceli einen Bildband zusammen mit dem Titel «Von Dingen und Menschen», gleichzeitig Zeugnis der wunderbaren und so poetischen Schaffenskraft von Yvonne wie auch eine Hommage an uns selbst: Kontrast ist nun zehn Jahre alt; wir schenken uns das Buch zum kleinen Jubiläum. Yvonne Griss’ Nachlass geht an die Fotostiftung Schweiz zu unserem ehemaligen Partner Peter Pfrunder.

       

      In dieser Zeit kommen auch jene technischen Neuerungen auf, die heute aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken sind: Internet und E-Mail. Als typische Folge unserer bis ins Letzte gerechten Demokratie, verbunden mit gewissen Spätzündungen, brauchen wir lange, bis wir uns an diese neue schöne Welt heranwagen. Eines Tages piepst dann aber auch bei uns ein Modem, und wir haben eine einzige E-Mail-Adresse: «kontrast@access.ch». Da wir inzwischen ein Dutzend Leute sind, ist das Chaos vorprogrammiert und Datenschutz ein Fremdwort.

    • Reibung gibt Energie

       

      An der Hardstrasse bleiben wir elf Jahre. Rückblickend gesehen ist es eine sehr gute Zeit, unter anderem, weil unsere Gemeinschaft so gut funktioniert. Natürlich gibt es Reibereien, die in einem Fall fast zum Ausschluss eines Mitglieds führen, doch insgesamt werden bei Kontrast Freundschaft, Kollegialität, Anteilnahme und Interesse am Leben und Schaffen der anderen gepflegt.


      Mitentscheidend dafür ist zweifellos auch, dass wir – im Gegensatz zu anderen Vereinigungen von Freischaffenden – finanziell nicht miteinander verbunden sind. Bei Kontrast werden nur Miete und Infrastrukturkosten geteilt; die Verkäufe der Texte, Fotos und Archivaufnahmen gehören jedoch zu hundert Prozent der schreibenden beziehungsweise fotografierenden Person. Diese simple Regelung erspart uns viel Ärger.


      Und immer wieder überlegen wir, wie wir uns nach aussen besser darstellen können. Die Idee einer Gemeinschaftsausstellung taucht auf, im Sinne einer Kontrast-Werkschau, verbunden mit einer Ausstellung von Yvonne Griss’ Vermächtnis.


      Trotz vieler Sitzungen und guter Ideen tun wir uns allerdings schwer damit. Da zeigt sich, dass wir letztlich alle Individualisten sind (und bleiben). Wenn es um die Wurst geht, fehlt in entscheidenden Dingen sowohl Konsensbereitschaft wie auch der nötige Wille zum Kompromiss, um die Werke der anderen Members so zu akzeptieren, wie sie sind.


      Der erste Anlauf für eine Gemeinschaftsausstellung erledigt sich von alleine, da die vorgesehene Galerie in Zürich schliesst. Im zweiten sind wir dann erfolgreich: Das Museum Bellpark in Kriens stellt unsere Werke aus.

       

      Auch an der Hardstrasse verändert sich die Besetzung von Kontrast. Als Schreibende kommen neu zu uns Nadine Olonetzky, Beat Grossrieder, Daniel Ammann, Esther Hürlimann, Brigitte Blöchlinger, Edzard Schade und Ursula Eichenberger. Die Mehrheit verlässt uns jedoch nach kurzer oder langer Zeit wieder.


      Daniel Amman geht zur Weltwoche; Beat Grossrieder nimmt sein Studium wieder auf; Peter Pfrunder wird Direktor des Forums der Schweizer Geschichte in Schwyz, übernimmt danach die Leitung der Fotostiftung Winterthur; Silvana Ceschi widmet sich dem Film; Brigitte Blöchlinger wechselt zum Pressedienst der Universität Zürich; Edzard Schade erhält eine Anstellung am Institut für Publizistik der Universität Zürich, und Esther Hürlimann entscheidet sich nach der Geburt des zweiten Kindes, von zu Hause aus zu schreiben.


      Auf Fotografenseite ist Barbara Graf Horka der einzige Neuzugang. Eigene Wege geht Iren Monti, die sich zur Psychomotoriktherapeutin ausbilden lässt. Ebenfalls verabschiedet sich unser Gründungsmitglied Giorgio von Arb. Als Kontrast-Fotograf hat er mit seinen zahlreichen Büchern – u.a. «Leute am Grabserberg», «Klosterleben», «FabrikZeit», «Volksfrömmigkeit» – viel zur Bekanntheit unseres Ateliers beigetragen. Giorgio von Arb entscheidet sich für die Unabhängigkeit.

       

       

      Aus unseren Sitzungsprotokollen:

      29. September 2005
      «Nadine Olonetzky wünscht sich angesichts des bevorstehenden Umzugs mehr Networking. Neuer Ort – neuer Geist!»

      23. Februar 2006
      «Barbara Graf Horka zeigt Architekturaufnahmen. Wir lernen: Den meisten Aufnahmen sieht man nicht an, dass Barbara zwei Stunden aufräumt, bis die Gebäude eine Gattung machen.»

    • Kontrast-Palmares

       

      Wir sind gut

       

      Und natürlich gewinnen wir in dieser Zeit auch Auszeichnungen. Nadine Olonetzky zieht 1997 mit einem soeben gewonnenen Werkbeitrag für Literatur des Kantons Zürich bei uns ein. 2002 gewinnt sie zudem den Preis der Curt und Marianne Dienemann-Stiftung. Christian Schmidt erhält ein Stipendium der Christoph-Eckenstein-Stiftung sowie zwei Auszeichnungen für Reportagen im Rahmen des Hansel Mieth-Preises. Zudem werden mehrere Bücher des Verlags KONTRAST mit dem Prädikat «schönste Schweizer Bücher» geehrt.


      In dieser Zeit stellen wir wieder einmal ein grosses Fest auf die Beine. Es hätte eigentlich 1999 stattfinden und unser 10-jähriges Firmenjubiläum werden sollen. Da wir aber wieder einmal etwas Verspätung haben, findet der Anlass 2005 statt. Dafür mit viel Aufwand und Getöse.


      Wir mieten eine 600 Quadratmeter grosse Halle auf dem Maag-Areal. Martin Peers Bruder Valentin macht ein grossartiges Catering für mehrere hundert Leute. Es gibt Filme, Disco und Barbetrieb. Auf die Wände projizieren wir unsere eigenen Werke. Eine rauschende Nacht, die wieder einmal beweist, was wir können. Wenn wir nur wollen …


      Im Maag-Areal bleiben wir bis 2006. Wir verlassen es mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Lachend, weil es auf dem Areal langsam ungemütlich wird: Die Baumaschinen warten. Unser Gebäude soll zwar stehen bleiben, doch rundherum wird für den Bau des höchsten Hochhauses der Schweiz alles abgerissen – inklusive unserer geschätzten Kantine mit Gartensitzplatz.


      Mit Tränen verlassen wir die Hardstrasse 219, weil damit auch eine Ära zu Ende geht: die Ära der grosszügigen Fabrikhallen, des eigenen Fotolabors – und unserer Jugend. Die Kontrast-Gründer sind mittlerweile alle über vierzig, ja teils bereits über fünfzig. Doch insgesamt sind die meisten Members begierig auf einen Tapetenwechsel, verbunden mit der Hoffnung auf neuen Schwung.

       

       

      Aus unseren Sitzungsprotokollen:

      23. Februar 2006
      «Koni Nordmann gewinnt mit Bravour den jährlichen ‹Kontrast›-Wettbewerb, durchgeführt anhand eines Fotokalenders mit nationalen Sehenswürdigkeiten. Er erhält eine Cresta-Schoggi.»

      30. März 2006
      «8 Ja / 1 Enthaltung bei Abstimmung über Josefstrasse als mögliches neues Domizil. Wir stellen fest, dass wir funktionieren und gut sind. Was wäre jeder und jede von uns ohne unsere Firma?»

       

    • Kommen und gehen

       

      IN

      1996
      Daniel Ammann, Beat Grossrieder

      1997
      Nadine Olonetzky

      2000
      Brigitte Blöchlinger, Barbara Graf Horka, Edzard Schade, Anne Bürgisser (Labor)

      2001
      Esther Hürlimann

      2004
      Ursula Eichenberger

       

      OUT

      1997
      Daniel Ammann, Peter Pfrunder

      1998
      Silvana Ceschi

      1999
      Beat Grossrieder

      2000
      Elisabeth Rufer (Labor)

      2001
      Brigitte Blöchlinger, Edzard Schade

      2002
      Iren Monti

      2005
      Anne Bürgisser (Labor)

      2006
      Esther Hürlimann, Giorgio von Arb

       

  • Quartierzeit
    • Josefstrasse 92

       

      Wo sollen wir hin? Über ein halbes Jahr suchen wir nach neuen Räumen. Eine Umfrage hat ergeben, dass eine Mehrheit weiterhin ehemalige Fabrikräume möchte. Umso erstaunlicher, dass wir uns schliesslich doch für klassische Büros – sogar im Stile der Achtzigerjahre – entscheiden. Es sind die ehemaligen Räumlichkeiten der kantonalen Steuerverwaltung, eine Aneinanderreihung von Klausen, deren dunkelrot gestrichene Türrahmen fast etwas rebellisch wirken. Zudem sind die Räume nur noch halb so hoch wie auf dem Maag-Areal. Wir fühlen uns, als würde uns die Decke auf den Kopf fallen.


      Doch die Josefstrasse 92 hat auch Vorteile. Wir sind mitten im Langstrassenquartier, umgeben von zahllosen Restaurants und Take-aways. Wir sind nun erstmals im Stadtzentrum. Zudem gibt es eine Heizung, die heizt. Architekt Paul Bissegger befreit uns in der Folge von der Hasenstall-Stimmung: Eine Wand nach der anderen fällt, bis wir fast wieder die gleiche Grossraumstimmung haben wie gewohnt.

       

       

      Aus unseren Sitzungsprotokollen:

      20. Juli 2006
      «Umbau an der Josefstrasse. Bezüglich Sitzordnung entscheiden wir uns für die Variante mit allen Tischen hintereinander, den Fenstern entlang aufgestellt. Es ist die sogenannte ‹Galeeren-Ordnung›.»

    • Neuzeit

       

      Wir wachsen und verändern uns

       

      An der Josefstrasse kommen neu zu uns Rafaël Newman, Übersetzer, Sänger bei «the newmen» und Poet, dessen Gedichte unter anderem auch auf Albanisch veröffentlicht werden. Nicole Aeby, ehemalige Chefin der Fotoagentur Lookat, arbeitet bei uns, wenn sie nicht an der Schweizerischen Journalistenschule MAZ – als Nachfolgerin von Koni Nordmann – die Fotografenabteilung leitet, in Amsterdam oder Addis Abeba unterrichtet, juriert oder Fotoausstellungen kuratiert. Fotografin Caroline Minjolle wird Mitglied. Einst Tänzerin hält sie weiterhin Verbindung zu ihrer Vergangenheit, indem sie immer wieder Menschen aus diesem Bereich porträtiert. Die Buchproduzentin, Lektorin und Kursleiterin Marion Elmer gesellt sich zu uns. Vom Tages-Anzeiger findet die Filmkritikerin Nicole Hess an die Josefstrasse. Und ebenfalls zu Kontrast kommt Nina Mann: Fotografin, Grafikerin und Künstlerin mit Obstgarten in Tschechien.

       

      Am neuen Ort verändern wir uns auch inhaltlich. Nadine Olonetzky beginnt eine Teilzeitstelle beim Verlag Scheidegger & Spiess, Ursula Eichenberger und Christian Schmidt wenden sich mehr und mehr der PR und Werbung für NGOs zu. Ursi Schachenmann zieht sich vom Verlag KONTRAST zurück und verfolgt eigene Projekte; ihre Anteile und den Job übernimmt Ursula Eichenberger. Koni Nordmann profiliert sich beim Ringier-Verlag als der Mann für ein zeitgemässes Bildkonzept und reist zwischen Zürich, Bratislava und Offenburg hin und her, um beim optischen Relaunch des – nicht nur in der Schweiz erhältlichen – Blicks zu assistieren.

       

       

      Aus unseren Sitzungsprotokollen:

      1. März 2007
      «Martin Peer macht ein Bilderrätsel. Aber nur Barbara Graf Horka und Christian Schmidt machen mit. Christian gewinnt die Wurst.»

      25. Oktober 2007
      «Fütterung der Raubtiere. Das Plenum stellt fest, dass die Brioches & Co. einmal mehr hervorragend sind und bedankt sich bei der Spenderin Ursula Eichenberger.»

    • On the road

       

      Woran wir arbeiten

       

      Und natürlich publizieren wir in dieser Zeit auch wieder Bücher. Nadine Olonetzky schreibt «Sensationen – Eine Zeitreise durch die Gartengeschichte», Ursula Eichenberger «Aus der Welt des Schlafs» und Christian Schmidt «Exil Schweiz. Tibeter auf der Flucht. 12 Lebensgeschichten». Auf Fotografenseite publiziert Barbara Graf Horka «Zwischen Himmel und Erde», einen Bildband über Wallfahrtsorte in der Schweiz. Zudem gibt es Ausstellungen. Barbara Graf Horka zeigt Porträts von «La Lupa di Biondi» in der Zürcher Galerie Incontro, Caroline Minjolle präsentiert ihre «Têtes de l’Art» – Aufnahmen zeitgenössischer ChoreografInnen – in sieben Städten im Rahmen des internationalen Tanzfestivals STEPS, und Nina Mann stellt zum Thema «Schlaflos» in der Zürcher Stahlbauhalle aus.


      Regelmässig halten wir auch sogenannte «Kultur-Sitzungen» ab. Das heisst: Im Anschluss an die üblichen Bürositzungen stellen die einzelnen Members vor, was sie gerade in Arbeit haben. Im Oktober 2005 tönte das so (Zitate aus dem Protokoll):

       

      Barbara Graf Horka zeigt Bilder einer Software-Firma, für die sie eine Broschüre fotografiert.

      Ursula Eichenberger erzählt von ihrem Buchprojekt über die Lebensgeschichten von Patienten in der psychiatrischen Klinik Littenheid.

      Esther Hürlimann berichtet über ihre Lektoratstätigkeit bei Orell Füssli, wo sie zurzeit das abenteuerliche Manuskript eines Ex-Bezirksanwalts zum Thema einstiger deutscher Geheimdienstaktivitäten betreut.

      Nadine Olonetzky fasst die Entstehungsgeschichte ihres Buches über den Fotografen und Pendo-Mitbegründer Bernhard Moosbrugger zusammen.

      Ursi Schachenmann informiert über ein neues Buchprojekt des Verlages zum Thema «Grönland», fotografiert von Markus Bühler.

      Frederic Meyer stellte einen neuen Temporekord auf und fotografierte in zwölf Minuten das offizielle Gruppenbild der neuen Kantonsregierung. Nur die Falten von Frau Fuhrer (SVP) mussten ausserhalb der zwölf Minuten entfernt werden.

      Martin Peer gibt einen Überblick über seine diversen Fotokurse. Zudem führt er in einer Schnellbleiche in die Welt der Digitalkameras ein.

      Christian Schmidt erzählt von seinem leider unverkäuflichen Projekt «Killing Fields» – eine Recherche über die Selbstmorde von tausenden indischen Reisbauern, die im Zusammenhang mit der Einführung von gentechnologisch veränderten Sorten stehen.

      Koni Nordmann zeigt Ausschnitte aus seiner Beratungstätigkeit zum Thema «visuelle Kommunikation» für diverse Zeitungen. Es gibt hierzulande noch viel zu tun für ihn!

       

      Und auch Preise kommen wieder ins Haus. Nadine Olonetzky gewinnt 2006 erneut den Werkbeitrag für Literatur des Kantons Zürich; der Verlag KONTRAST erhält im selben Jahr zum siebten Mal eine Auszeichnung im Rahmen der «schönsten Schweizer Bücher» («Offside. Die Schweizer Homeless Kicker auf dem Weg zur WM»); und Christian Schmidt erhält 2007 den Pressepreis des Zürcher Presse Vereins.

       

       

      Aus unseren Sitzungsprotokollen:
      30. April 2009
      «Eine emotionale Diskussion über den Zustand des Ateliers entsteht. Vor allem Ursi Schachenmann, Koni Nordmann und Nadine Olonetzky äussern Bedenken über das Zerbröseln der Gemeinschaft, das sich im persönlichen Ausklinken einzelner Members und einem ‹sich für vieles nicht verantwortlich Fühlens› äussert. Allen ist es aber ein Anliegen, die Gemeinschaft wieder stärker zu pflegen. Gerade in Zeiten wie diesen rudert es sich gemeinsam einfach besser!»

    • «Ich hatte ein gutes Leben»

       

      Mitten in diese Emsigkeit erhalten wir eines Tages im Frühjahr alle eine E-Mail mit dem Betreff «schwere Krankheit». Noch wenige Tage zuvor war Martin Peer an unserer Bürositzung wie immer mit seinen ironisch-bissigen Bemerkungen aufgefallen, und nun muss auch er, wie Jahre zuvor unser Mitglied Yvonne Griss, sich mit der Diagnose Krebs auseinandersetzen.


      Es ist ein Kampf, den Martin meistens mit einer unglaublichen, bewundernswürdigen und geradezu stoischen Gelassenheit führt. Er sagt: «Ich hatte ein gutes Leben. Ich konnte stets tun, was ich wollte und mir persönlich wichtig war. Nun hat es mich getroffen. Ich frage nicht, weshalb.»


      Wir begleiten Martin, so gut wir können und so nah er es zulässt. Oft zieht er sich in den Schutz der Familie zurück und ist nur an den Wochenenden im Atelier, wenn weniger Betrieb ist. Anfangs 2009 lädt er zu einem Rückblick auf sein Schaffen ein und zeigt die Tonbildschau «Leben im Norden», eines seiner ersten Werke. Wir wissen nun alle, dass nur noch wenig Hoffnung bleibt.

       

      Martin stirbt am 20. Juli 2009.

       

      Ende 2009 feiern wir unser 20-jähriges Bestehen. Wir begehen es, sobald die Temperaturen wieder steigen, mit einem gemeinsamen Ausflug. Eine Art Betriebsausflug also. Feste, Apéros haben wir schon viele gemacht, eine kleine Reise aber noch nie. Wir überlegen eine Zeit lang, sie mit etwas «Betriebspsychologie» zu verbinden, um unser Klima zu analysieren, lassen es aber bleiben. Wir wollen einfach feiern. Dass es uns seit 20 Jahren gibt. Dass wir uns – meistens – mögen. Dass wir eine Gemeinschaft sind, die funktioniert.

       

      Das ist Grund genug, und es ist ein guter Grund.

       

       

      Aus unseren Sitzungsprotokollen:

      28. Mai 2009
      «Martin Peer fehlt und wird sehr vermisst. Frederic Meyer macht ein Gruppenfoto, das wir ihm schicken.»

      29. Oktober 2009
      «Ursi Schachenmann, Inhaberin eines ½-Ämtlis in Sachen Küchenpflege, würde von Herzen gern ihren Anteil loswerden. Sie sagt: ‹Ich bin nicht locker genug. Ich halte dieses Puff einfach nicht aus.› Ihr Antrag wird mit Akklamation abgelehnt.»

    • Grösser

       

      Grösser & jünger

       

      Seit dem Eintritt von Tom Kawara (Fotograf) im Jahr 2010 sowie Dorothee Hauser (Bildredaktorin und Fotografin), Nina Toepfer (Journalistin), Stephan Hille (Journalist und Filmer) und Thomas Züger (Fotograf) im Jahr 2012 hat Kontrast mit 14 Members eine neue Grösse erreicht. Gleichzeitig schrumpft die Zahl der Gründungsmitglieder. Nach dem Austritt von Ursi Schachenmann sind es noch vier, die sich zur Silbernen Hochzeit gratulieren dürfen: Christian Känzig, Frederic Meyer, Koni Nordmann und Christian Schmidt.

       

      Mit den Neuzugängen ist uns auch eine gewisse Verjüngung gelungen, allerdings nicht im gewünschten Mass. Eigentlich wollten wir uns mehr im Bereich der Social Media etablieren, mehr online aktiv werden. Auf diese Entwicklung warten wir weiterhin, macht aber nichts; denn menschlich funktioniert unsere Medienarche bestens. Wir schätzen uns gegenseitig, man steht sich bei, und es wird viel und gerne gelacht. Also halten wir uns an den Slogan: Never touch a running system.

       

      Ausdruck dieser Stimmung sind unsere Mittagessen, die eigentlich mehr sind als nur ein Essen: Sie sind eine Institution. Wer nicht teilnimmt, verpasst etwas. Wir diskutieren die Welt im Grossen und im Kleinen: Syrien und Boko Haram, Berlusconi als Altenpfleger, den Hafenkran und die Schliessung der Papeterie Ryffel an der Langstrasse. Daneben werden Reisepläne hierhin und dorthin besprochen, es wird gemeinsam gelästert und gemeinsam gelitten. Und dank der kulinarischen Kreativität der neuen Members kommen wir in den Genuss von Bärlauchchnöpfli (Thomas Züger) und Borschtsch mit Wodka (Ex-Moskau-Korrespondent Stephan Hille).

       

      Endlich haben wir auch wieder Kinder: Marion Elmers kleiner Eric bezirzt sporadisch das Atelier von vorne bis hinten. Und Vanja, Tochter von Dorothee Hauser, hat sich Ursula Eichenberger ausgesucht, um ihre Zeichnungen zu besprechen.

       

       

      Aus unseren Sitzungsprotokollen:

      26. April 2012
      «Der neue Gesellschaftsvertrag liegt in 16-facher Ausführung in den Postböxli. Bitte an alle, denen sowas Probleme macht: Unterschrieben wird OBERHALB des gedruckten Namens!»

    • Diversifizieren

       

      Diversifizieren & dämmern

       

      Beruflich verändern sich einige der Members. Die dünner werdenden Publikationen und die alles andere als steigenden Honorare zwingen zur Diversifizierung. Freelancer zu sein, bedarf es wenig, doch wer es ist, wird kein König. Fast alle haben eine Teilzeitstelle in – mehr oder weniger – verwandten Tätigkeitsbereichen. Was sich an den häufig leeren Pulten zeigt, aber letztlich unumgänglich ist.


      Ebenso von dieser Entwicklung betroffen ist Koni Nordmanns kontrast Verlag. Die Binsenwahrheit, dass das Buchgeschäft schlecht läuft, macht auch vor ihm nicht halt. Koni entscheidet sich, den Verlag in den Winterschlaf zu versetzen und keine neuen Projekte mehr anzureissen. Da nützen auch alle Auszeichnungen nichts, etwa die «Schönsten Schweizer Bücher». Die Sendepause des Verlags ist schade, Mut und Engagement haben sich wieder einmal nicht ausbezahlt. Und für jene Members, die für den kontrast Verlag arbeiten durften, bedeutet es zudem den Verlust einer wichtigen und toll gemachten Publikationsmöglichkeit. Als Konsequenz wendet sich Koni neuen Horizonten zu. 2012 lässt er sich als Gestalter bei der «Ostschweiz am Sonntag» engagieren, im Mai 2014 wechselt er als Bildchef zum «Tages-Anzeiger». Koni ist nur noch sporadisch im Atelier anzutreffen, aber er bleibt weiterhin Member.

       

       

      Aus unseren Sitzungsprotokollen:

      25. Oktober 2012
      «Stephan Hille: Ich hätte Gelegenheit, in Sibirien eine Bärenjagd zu begleiten. Ich frage mich, ob das ethisch vertretbar wäre. Mich interessiert die Meinung der Runde. – Die Runde meint: Wo sollen wir das Fell aufhängen?»

    • Wichtiges

       

      Wichtiges & Unwichtiges

       

      Weiterhin treffen wir uns jeden Monat zur grossen Bürositzung, an der alles Wichtige (und Unwichtige) besprochen wird, etwa

       

      • die Ausstellung in der Photobastei,
      • die unserer Meinung nach zu teuren Druckerpatronen,
      • die Einführung einer neuen Strichliliste (aufgrund der zu teuren Druckerpatronen),
      • Nina Toepfers Geschichte über Hausmänner, ihre Erlebnisse als Gastredaktorin bei der «annabelle» und ihr wechselndes Glück als Gärtnerin,
      • Barbara Graf Horkas jährlicher Ausflug zu ihren Studierenden nach Sambia,
      • Stephan Hilles Erlebnisse mit dem Pommes-frites-Automaten-Erfinder Ueli Maurer; seine Russlandreisen für einen Film über Chodorkowski und die Kunst, mit immer knapperen Budgets dennoch gute TV-Sendungen zu realisieren,
      • Nadine Olonetzkys Nöte und Glücksmomente während Buchproduktionen,
      • die neue Glasfaserleitung von zürinetz,
      • Christian Schmidts – vorläufig – gescheitertes Buchprojekt über die Jugend seiner grossen Liebe,
      • Ursula Eichenbergers Schnipsel-Biografie «Geboren als Frau glücklich als Mann» und der unberechenbare Schatullenstand der Schweizer Stiftungen,
      • die wechselnde Qualität des «India Street Food»-Kiosks,
      • Marion Elmers Anagramme und das Rätsel, weshalb Architektenmonografien immer dicker werden als geplant,
      • Frederic Meyers Bilder aus dem Kurdengebiet im Iran,
      • Thomas Zügers Porträts der Überlebenden von Hiroshima und sein Kälteschock bei den Aussenaufnahmen von Tilla Theus’ Restaurant auf dem Weisshorngipfel,
      • die netten Ostergeschenke von Subije, unserer Putzfrau,
      • Tom Kawaras bestselling Zürich-Panorama,
      • Caroline Minjolles witzige Zwillingsbilder,
      • die Höhe der Bürounkosten,
      • Nicole Aebys Freude am Editieren von spannenden Arbeiten für NGOs,
      • Dorothee Hausers Workshop mit Patrick Zachmann  (Magnum) in Krakau und ihre Ausstellung «Attraversiamo» in Cross-Fotografie ...

       

      ... und einmal pro Jahr planen wir einen Ausflug. Es ist inzwischen zur Tradition geworden, dass Kontrast im Frühsommer gemeinsam zur «Blüemisalp» marschiert, nicht wirklich eine Alp, sondern ein Restaurant ob Erlenbach, eine knappe Stunde Fussmarsch ab Seeufer. Tradition ist inzwischen auch, dass wir jedes Jahr total verregnet werden. Das heisst, wir sitzen so lange im Trockenen, bis der Regen droht. Dann brechen wir auf ... und ärgern uns über uns selbst. Aber lieber sind wir gemeinsam doof als jeder für sich allein. So sind wir, und so bleiben wir.

       

       

      Aus unseren Sitzungsprotokollen:

      28. Januar 2013
      «Der brummende Server hinten beim Drucker hat freundlicherweise den Geist aufgegeben. Grosse Erleichterung allseits.»

      26. Mai 2014
      «Wer sich einen Kaffee rauslässt, möge doch bitte den Vorrat an Tassen auf der Maschine auffüllen, damit auch der Nächste/die Nächste in den Genuss der Vorwärmung kommt. Danke! [Kommentar des Protokollisten: «Wir geben wie immer alles.»]

    • Quo vadis?

       

      Frischer Wind, neue Kooperationen

       

      Fünf Jahre sind seit unserem 25-Jahr-Jubiläum vergangen, das wir mit einer Ausstellung und einem grossen Apéro in der ersten, temporären Photobastei am Schanzengraben gefeiert haben.

      Das gemeinsame Projekt hat uns zusammengeschweisst, aber auch Diskussionen ausgelöst. Wohin bewegt sich die Ateliergemeinschaft? Wie vermögen wir in Zeiten von Co-Working-Spaces künftig unsere Atelierplätze zu besetzen? Welchen Stellenwert haben unsere Bilder und Texte in der flüchtig gewordenen Medienwelt?

       

      Über die Jahre verlassen uns einige liebgewonnene Members, um nochmals ganz neue Wege zu beschreiten. Die Sorge, dass ihre Plätze lange unbesetzt bleiben könnten, verpufft stets schnell. Dank unserem Netzwerk, dem gut organisierten Atelier und dem fast schon legendären Mittagstisch finden wir neue Mitglieder, die zu uns passen und sich rasch in die Gemeinschaft einleben. Es weht ein frischer Wind, und es entstehen neue Kooperationen und Synergien im Atelier.

       

      Die Texterin Barbara Geiser bringt ihren fast fertigen Roman «Wenn du gefragt hättest, Lotta» mit zu Kontrast, der 2018 erscheint. Die drei Fotografen Gian Vaitl, Sabina Bobst und Patrick Gutenberg verankern uns weiter in der Zürcher Fotografenszene: vom vfg über Tages-Anzeiger und Zürichseezeitung bis zur Photobastei 2.0 und zur Buchhandlung mit Ausstellungsraum Never Stop Reading. Das vertonte Wort hält dank der Moderatorin und langjährigen Radiojournalistin Jennifer Khakshouri Einzug bei Kontrast.

       

      Auch die bisherigen Members lassen nichts anbrennen:

      Christian Schmidt rennt für «Reportagen» mit einem japanischen Mönch um den Berg Hiei ob Kyoto und erzählt im «Magazin», wie Palermo seine Strassen von Autos befreit. Nadine Olonetzky legt ihr Buch «Inspirationen. Zeitreise durch die Gartengeschichte» wieder auf, ergänzt um neue Bilder und Textpassagen, kurze Zeit später erscheint ihr erstes literarisches Werk «Belichtungen». Nach ihrem MAS in Architekturgeschichte schreibt Marion Elmer vermehrt Kritiken und Beiträge für Hochparterre und besorgt die Redaktion verschiedener Fachzeitschriften. Stephan Hille konzipiert und filmt für die Fussball-WM 2018 das Videoformat «Luzia in Rossja». Nina Toepfer erfindet für eine Stiftung ein paar «Superhelden» und beginnt Angewandte Geschichte zu studieren. Koni Nordmann hat sich 2017 wieder vom grossen Medienhaus verabschiedet und widmet sich nach einem CAS in Social Media Management dem Public Newsroom. Jasna Bastic ist mit dem Peace Boat unterwegs und arbeitet 2017 beim Filmfestival IDFA in Amsterdam mit. Tom Kawara dokumentiert Menschen und Orte in Sternenberg für das gleichnamige Buch, das Ende 2019 erscheint. Und Frederic Meyer macht auf seinen Asienreisen eindrückliche Bilder von Menschen und Landschaften.

       

      Wir bringen erneut Kinder und sogar Grosskinder zur Welt: Während Marion Elmer und Jennifer Khakshouri zum zweiten Mal Mutter werden (Mathis, 2015; Sam, 2018), freuen sich Frederic Meyer und Tom Kawara über ihre (Bonus-)Enkel (Giuliano, 2015; Vincent, 2019).

       

      Alles in allem haben wir sehr viele Gründe, unser 30-Jahr-Jubiläum zu feiern!

       

       

      Aus unseren Sitzungsprotokollen:

       

      25. November 2016

      «Kaffee-Frage: Wären wir interessiert, Kaffee aus einem Direktimport aus Uganda zu beziehen? Eine Freundin von Nina importiert aus Uganda Bohne und gemahlenen Kaffee. Es bräuchte eine neue Maschine: Kolben oder Vollautomat. Einwand aus der Runde: Solidarischer Kaffee hat die Tendenz, nicht fein zu sei. Nina organisiert eine Testpackung und verschickt den Link des Startups.»

       

      30. November 2018

      «Time to say goodbye von Thomas findet am Sonntag mit Käsefondue im Elefantenbach statt: Alle, die nicht wissen, wo der Elefant ist, treffen sich um 15.40 Uhr am Klusplatz. Warm und regendicht anziehen ist angesagt!»

       

      27. September 2019

      «Geschirrspülmaschine muss ersetzt werden. Am liebsten wieder von Miiiiiiiiiiele. Eher weniger in Frage kommt ein Casserolier, der auch kocht … Gians verdienstvolle Recherchetätigkeit zeigt, dass z.B. Fust nicht wesentlich billiger wäre. Wir machen drum die Fust im Sack und nehmen die Offerte an. Mitte nächste Woche wird das neue Teil mit einem Apero gefeiert. Oder halt ohne Ansprachen und Festivitäten einfach in Betrieb genommen.»

    • Kommen und gehen